Berlin, 21. Dezember 2020

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freund*innen der Deutschen Jazzunion,

eigentlich wäre dies der Zeitpunkt für einen Weihnachtsbrief.
 
In normalen Zeiten würden wir an dieser Stelle auf die gemeinsam zurückgelegte Wegstrecke zurückblicken, uns bei unseren Partner*innen und Unterstützer*innen bedanken und unsere Vorfreude auf das kommende Jahr ausdrücken. Und das möchten wir auch nicht versäumen, denn in der Tat gibt es auch in diesem Jahr vieles, worüber wir uns freuen; als da wären z.B. die Veröffentlichung unserer Publikation „Gender.Macht.Musik. Geschlechtergerechtigkeit im Jazz“, ein erfolgreiches Jazzforum unter dem neuen Namen „Jazz Now!“ – und zuletzt entscheidende Weichenstellungen für ein „House of Jazz“ in Berlin oder die Bekanntgabe des „Deutschen Jazzpreises“ als neue Auszeichnung der Bundesregierung.
 
In diesem Jahr ist aber vieles anders, und wir können es nicht bei den üblichen vorweihnachtlichen Bekundungen belassen. Denn für die allermeisten soloselbstständigen Kunst- und Kulturschaffenden in Deutschland bedeutet die Coronakrise eine fundamentale Bedrohung ihrer beruflichen Existenz. Wir kommen deshalb nicht umhin, unsere bereits so oft geäußerten, dringenden Forderungen nach angemessener Hilfe durch die Politik an dieser Stelle zu untermauern.
 
Ein Wort zur vielzitierten „Systemrelevanz“: Unsere Clubs, Konzerthäuser und Theater in Deutschland, unsere Museen – all die sind Orte, an denen es zu einem gesellschaftlichen Diskurs über die Grundwerte unserer Gesellschaft kommt. Eine freiheitliche Demokratie braucht eine freie Kunstszene, und ohne diese nimmt unsere Gesellschaft Schaden. Sind Kunst- und Kulturschaffende, sind Jazzmusiker*innen, sind wir also systemrelevant? Entscheiden Sie selbst.
 
Nicht erst seit dem erneuten Lockdown verzichtet die gesamte Szene auf die Berufsausübung. Wir Jazzmusiker*innen beteiligen uns solidarisch an den Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung, um unseren Teil dazu beizutragen, Leben und Gesundheit von uns allen zu schützen. Braucht es angesichts dieser Solidarität nicht im Gegenzug eine adäquate Unterstützung durch die Gemeinschaft?

Nach wie vor werden wir soloselbständige Kulturschaffende aber von der Politik auf die Grundsicherung verwiesen, die jedoch alles andere als folgenlos für die unternehmerische Handlungsfähigkeit und individuelle Altersvorsorge bleibt.¹ Auch die November- und Dezemberhilfen sowie die Überbrückungshilfen III greifen für kaum jemanden in der freien Kunst- und Kulturszene.² Das muss dringend geändert werden: Eine Alternative zur existentiell notwendigen Absicherung der Lebenshaltungskosten etwa in Form eines „fiktiven Unternehmer*innenlohns“³ sehen wir allenfalls in einer grundlegenden Nachbesserung der bestehenden Hilfsinstrumente, was sowohl eine Senkung der Zugangshürden, als auch eine Erhöhung und Unterdeckelung der tatsächlichen Förderbeträge bedeuten würde.
 
Wenn wir nun – so kurz vor Weihnachten – einen Herzenswunsch an die Politik äußern dürfen, so kann dies nur der eine sein: Bitte setzen Sie sich mit uns dafür ein, dass soloselbstständigen Kunst- und Kulturschaffenden in Deutschland in der Coronakrise endlich adäquat geholfen wird!
 
Eine lebendige Demokratie braucht eine lebendige freie Kunstszene!
 
Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass 2021 ein gutes Jahr für uns alle wird.
 
Wir wünschen Ihnen und uns allen frohe Weihnachtsfeiertage, einen besinnlichen Jahresausklang und einen guten Rutsch ins neue Jahr – und vor allem: Bleiben Sie gesund!

Es grüßen herzlich

Nikolaus Neuser, Felix Falk, Anette von Eichel, Christina Fuchs, Wolfgang Lackerschmid, Alexandra Lehmler und Benjamin Schaefer
(Vorstand der Deutschen Jazzunion)

sowie
 
Urs Johnen, Camille Buscot, Laura Block, Bettina Bohle, Karima Kotb, Essi Kalima und Lucas Kazzer
(Team der Geschäftsstelle)



Fußnoten:

¹ Siehe Gemeinsamer Appell an die Bundesregierung vom 11. Mai 2020
² Siehe Gemeinsame Pressemitteilung der Allianz der Freien Künste vom 17. November 2020
³ Eine Anerkennung der Lebenshaltungskosten fordern u.a. auch die Fachminister*innen der Länder, der Kulturausschuss des Bundesrates, der Deutsche Kulturrat als Spitzenverband der Kulturverbände, die Allianz der Freien Künste, eine überwältigende Zahl von Fachverbänden aller Branchen und nicht zuletzt die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.